Samstag, 30. März 2013

Ein Buch ist mehr ...

Mein letzter Urlaub führte mich in die österreichische Nationalbibliothek in Wien. Es war der letzte Tag - der Zug sollte uns um 19Uhr wider direkt Richtung Heimat geleiten - und genau der richtige Zeitpunkt um ein bisschen Kultur zu genießen. Es war bewölkt und es sah nach Regen aus. Außerdem hatte die Temperatur rapide abgenommen und es war kalt.
Tags zuvor saßen wir noch dort auf der Parkbank - einer Parkbank von vielen, die sich ovalförmig um eine rost-grün angelaufene Bronzestatue in der Mitte reihten. Sie zeigt Erzherzog Karl von Feinkorn mit Sturmhut und zusammengerollter Fahne auf einem stolzen Pferd mit abgehobenen Forderhufe [1]. Es war sonnig und wir genossen die warmen abendlichen Sonnenstrahlen. Meine zweite Hälfte laß in ihrem Buch während ich die Menschen in meiner Umgebung beobachtete. Hunde rannten anderen Hunden und Besitzer ihren Hunden hinterher. Touristen posierten vor dem Podest des übergroßen Karl. Eine spanische Schulklasse pausierte zwei Bänke neben uns. Drei Jungs balancierten, jonglierten und kickten einen Ball auf ihren Füßen im Takt zu rhythmischen Beats. Später gesellte sich eine sportliche junge Dame dazu. Ihre Erscheinung zog die Augenpaare von vorbeilaufenden neugierigen Passanten auf sich.
Wir saßen dort auf der Parkbank bis die letzten Sonnenstrahlen hinter dem Wiener Rathaus verschwanden und den Heldenplatz in Schatten hüllte. Es wurde kalt, also machten wir uns auf dem Weg zurück ins Hotel.
        An jenen Tag war es zu kalt um sich erneut auf die Parkbank zu setzen. Das war durchaus schade, da ich mir zuvor in einer kleinen Buchhandlung, wenige hundert Meter durch die Hofburg, tiefer im Stadtzentrum, ein Buch gekauft hatte, von einem meinerseits beliebten Thriller-Autor.

Die Entscheidung in die österreichische Nationalbibliothek zu gehen war eine spontane, denn zufällig steht diese in Wien und als Teil der Hofburg auch zufällig gleich hier am Heldenplatz. Es ist ein bemerkenswertes Gebäude, dass im Vergleich zu ähnlichen prunkvollen Gebäuden einen eher bescheidenen Eindruck machte. Der Grund hierfür mag zum einen an den sich monoton wiederholenden Säulen liegen, zum anderen jedoch an den sparsamen Verzierungen und Skulpturen.
Der erste Eindruck wendete sich wie die Handlung eines Romans, je näher wir dem Gebäude kamen. Die einst monotonen Säulen säumten sich wie Riesen den Himmel entgegen und auch die massive Flügeltür zeigte nun ihre wahrhaftige Größe - Ein Hauch von Ehrfurcht.
        Später stellte sich allerdings heraus, dass dies nur der Eingang zum Studienbereich war und sich der "Touristeneingang" genau auf der anderen Seite befindet und von unserer Seite aus nicht erreichbar ist. Also marschierten wir schnellen Schrittes um das Gebäude herum, durch enge Unterführungen und Gängen zum Josefplatz. Dort befand sich nun der Eingang. Und nach Eintrittskarte und einigen Treppenstufen fanden wir uns in einem der prunkvollsten Räumlichkeiten wieder, die ich jemals betreten hatte - die sechshundert Jahre alte, ehemalige Hofbibliothek des Augustiner-Klosters.
Aufwendige Deckenmalereien und Fresken aus dem späten Barock zierten die Kuppel. Sie zeigen auf Wolken thronende Engel, Krieger und Herrscher - nach einer detaillierten Beschreibung, die ich soeben auf Wikipedia fand, ist es das größte Werk von einem der ersten bedeutenden Maler des deutschsprachigen Raumes - Daniel Gran. Sein Bild zeigt die Apotheose (Vergöttlichung) von Kaiser Karl VI [2]. Aus der entsprechenden Perspektive wirkte es ganz so, als sei die Kuppel dabei ein Durchbruch zum Himmel.
In der Mitte des Prunksaals zentrierte sich eine Statue. Stolz steht sie auf ihrem Podest. Ein Arm leicht in die Hüften gestemmt, die andere schützend über etwas Unsichtbarem. Weitere menschliche Statuen mit merkwürdigen Hand- und Fingergesten zentrierten sich auf diese eine Gestalt in ihrer Mitte. Manche wandten ihren Blick ab, erhoben den Zeigerfinger, als wollten sie soeben etwas erzählen, andere wirkten eher zurückhaltend und doch auf einer mir fremden Weiße bestimmend und doch ihrem zentralen Führer ergeben.
        Zu meiner Linken und Rechten türmten sich riesige Bücherregale mit prunkvollen Goldverzierungen. Die Bücher standen penibel sortiert und gruppiert der Größe nach in den Fächern, wobei die richtig großen Wälzer in den untersten Regalen wohnten. Die Kleinsten hingegen, auf den obersten Ebenen, wirkten kaum größer als ein gewöhnliches Taschenbuch und meist nicht dicker als ein Quelle-Katalog. Alte Ledereinbände verhüllten Jahrhunderte altes, vergilbtes und ausgeblichenes Papier. Einige dieser Seiten waren in Vitrinen im Gang ausgestellt. Jeder einzelne Buchstabe wurde von seinem Schreiber sorgsam auf das Papier aufgetragen. Es fasziniert mich mit welcher Überlegtheit, Hingabe und Geduld sie damals gearbeitet haben mussten.
        Ein Buch ist mehr als das geschriebene Wort darin. Zum Lesen gehört nicht nur eine gute Geschichte - es sind die Kleinigkeiten die um Dich herum passieren, die damit in Verbindung gebracht werden. Das was Du siehst, das Du fühlst. Der Besuch in der Buchhandlung, wärmende Sonnenstrahlen auf Deinem Gesicht, auf einer Bank, an deinem Lieblingsort und die Menschen um Dich herum. Abgegriffene Seiten, leicht ausgeblichen, Spuren vom letzten Abendessen, Salzflecken vom Badeurlaub am Meer - Tränen auf Seite 315: Der Held ist gestorben.  
        1000 Bücher in einem Gerät. E-book-Reader und die Digitalisierung von Büchern machen vieles leichter, praktischer, einfacher, komfortabler und sind in vielerlei Hinsicht auch sehr nützlich, aber werden meiner Meinung nach nie ein klassisches "altmodisches" Buch ersetzen. Die virtuelle App-Bibliothek wird nie die Atmosphäre einer realen ersetzen, sie wird nie auch nur annähernd die Ehrfurcht mit sich bringen die einem überkommt, wenn man dieses Gebäude betritt. Und am Ende bleibt nichts als eine Zahl auf der letzten Seite, die höher sein mag als Sterne im Nachthimmel aber auch nicht mehr wiegt als die verbrannte Asche von 1000 Büchern.
        Der Zugang zu den obersten Etagen der Bücherregale führte über eine Leiter - gewährt wird ihn aber nur für Mitarbeiter. Diese verwirklichen derzeit Österreichs größtes Digitalisierungssprojekt - die digitale Archivierung aller ihrer historischen Schriften. Nach Abschluss des Projekts werden das über 600.000 Einzelbände sein, die im Internet publik und für jedermann frei zugänglich gemacht werden.



Quellen:

[1]
Seite „Heldenplatz“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.
Bearbeitungsstand: 16. März 2013, 16:35 UTC.
URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Heldenplatz&oldid=115472241
(Abgerufen: 30. März 2013, 06:37 UTC)

[2]
Seite „Daniel Gran“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.
Bearbeitungsstand: 3. März 2013, 21:23 UTC.
URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Daniel_Gran&oldid=114934676
(Abgerufen: 30. März 2013, 06:34 UTC)



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